Monat: Juni 2016

Sie will es doch

 

 

Questions
Vergewaltigung

 

Süß sieht sie aus in ihrem leichten Kleidchen. Ihr zartes Sommer Make-Up betont ihre zarte Haut. Ihre Augen strahlen, es geht ihr richtig gut. Sie genießt das Leben. Es war wieder einmal ein richtig schöner Tag. Wäre da nicht dieser widerliche Typ gewesen, der sie so aufdringlich angestarrt hatte. Er verleidete ihr das leckere Eis, das sie mit ihren Freunden im Café genoss. Sie tat so, als ob sie ihn nicht sehen würde, diesen ungepflegten Kerl.
Zitternd hockt er im Dornengebüsch und starrt fröstelnd vor Kälte durch das halb geöffnete Fenster. Er kann sich nicht sattsehen an dieser Frische, dieser Jugend. Alles an ihr ist perfekt. Sie sah heute im Café so niedlich aus. Ihr kurzes Kleidchen ist ja geradezu eine Einladung. Und dann dieser gewagte Ausschnitt, der ihre zarten Knospen erahnen ließ.
Verdammt, warum konnte der Bus nicht wie sonst auch Verspätung haben. Mist! Kein Geld fürs Taxi. Mutti geht nicht ans Handy, Papa arbeitet noch. Nun steht ihr ein langer Fußweg bevor. Sie ist nicht ängstlich, aber diese Nacht ist so extrem duster. Keine Sterne am Himmel, man sieht die Hand vor Augen nicht.
Wieder hat sie ihn abblitzen lassen. Dabei war er doch so nett zu ihr. Sie wurde richtig wütend, als er ihr einen Drink anbot. Diese Schlampe. Die macht doch mit jedem rum. Und überhaupt, so wie die rumläuft will sie es doch. Was bildet die sich eigentlich ein?
7 Uhr Nachrichten
Eiderstedt. In der Nacht wurde ein junges Mädchen Opfer einer Vergewaltigung. Der Täter konnte unerkannt entkommen. Die dreizehnjährige schwebt in Lebensgefahr.
©S. Adameit

Taub

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Starre

 

Taub im Kopf
im Herzen
im Verstand
und in den Ohren.
Festgefahren im eigenen Sud
der verdrehten Gedanken.
Sie stehen vor einer Sackgasse.
Einer Einbahnstraße.
Keine Chance,
ihr zu entkommen?
In der Kindheit
haben sie gelernt,
die ersten Schritte zu gehen.
Hat ihnen niemand gezeigt,
auch andere Wege
zu gehen?
Verbohrt, verhärmt,
verbittert und einsam.
Menschen,
in ihren Riten, ihrem Habitus
und ihren Traditionen gefangen.
Ein selbstgebautes Gefängnis,
aus dem euch keiner befreien kann.
Das könnt nur ihr,
wenn ihr wollt.
©Sabine Adameit

Land der Träume

Spirit
Träume

 

Geh mit mir
in das Land deiner Träume
in das Unbekannte,
lass dich ein auf
Neues, Warmes, Weiches,
Schönes und Unerfahrenes.
Lass dich ein
auf deine Gedanken, Gefühle,
spüre dich, dein Selbst,
deine Wahrnehmung.
Wie fühlst du dich?
Macht es dir Angst?
Bleibst du bei dir?
Oder schweifen deine Gedanken
weg von dir,
zu Wolken,
die du nicht fassen kannst.
Gedanken, die dir entgleiten?
Geh zu dir,
geh in dich,
erlebe dich, erfahre dich,
in allen Facetten,
dem Guten, dem Bösen,
der Freude, dem Schmerz.
Wo bist Du?
Wer bist du?
Lässt du dich auf dich ein?
Gar nicht so einfach,
obwohl es so klingt.
Weißt du wirklich,
wer du bist,
was du bist?
Summe deiner Erfahrungen,
deiner Gedanken,
dener Schmerzen,
deiner Freude.
Bist du Verstand oder Gefühl?
Kannst du beides in Einklang bringen,
bist du eine Einheit
zu deinem Gefühl,
deinem Denken, deiner Erfahrung?
Siehst du dich,
wie du bist
oder wie andere dich sehen.
Erkennst du dein wahres Ich
oder interpretierst du dich
aus Meinungen anderer?
Wer bist du,
wo stehst du?
Was bist du?
Summe deiner Erfolge?
Oder deiner Misserfolge?
Kannst du beides in Einklang bringen?
Wann ruhst du in dir?
Wenn die Sonne scheint
oder auch,
wenn du den grauen Himmel siehst?
Liebst du die Nacht,
wie die Sonne?
Magst du dich
auch bei Misserfolgen?
Ruhst du in dir,
auch wenn du dich mal nicht magst?
Magst du dich auch,
wenn du in die Irre gehst?
Wenn du nicht so reagierst,
wie du es von dir erwartest?
Nimmst du sie an,
deine Fehlbarkeiten,
deinen Zorn,
deine Wut,
deine Stimmungen,
die du dir manchmal
nicht erklären kannst?
Wenn du dich so akzeptierst,
mit allen Fehlbarkeiten,
Schwächen, Hilflosigkeit,
Fragen, auf die du keine Antwort weißt,
kannst du damit leben?
Mit dieser Unvollkommenheit,
mit dieser Hilflosigkeit,
mit dieser Angst
vor dem Unbekannten,
vor dem Unerwarteten,
vor dem,
was ganz tief in dir steckt?
Was du verdrängst
und ganz tief verbirgst,
wegschiebst und vergisst?
So viele Fragen
und Antworten in dir.
Lass dich auf sie ein,
geh in die Tiefe,
dort ist die Antwort,
auf deine ungesteĺlte Frage.
Geh in das Land deiner Träume,
dort findest du die Antwort.
Copyright S. Adameit

Alles vergessen

Vergessen
Vergessen

 

Noch gar nicht lange her
da gab es Leid, Schmerzen,
Hass und Gewalt.
Mensch zerstört Heimat
im Namen des Volkes.
Mensch hungert,
Mensch darbt,
verliert alles.
Seinen Glauben an das Vaterland,
seinen Glauben an das Gute.
Mensch muss mitansehen,
wie alles zerstört wird,
im Namen eines Vaterlandes,
das nie eins war.
Im Namen von Führern,
die ihrem Machtwahn
das Wohl des Volkes,
seiner Menschen opfert.
Nach gerade einmal
70 Jahren ist alles vergessen.
Der Schrei nach dem Vaterland,
dem Menschen nichts wert sind,
ist alles wieder da.
Wieder geht es nur um eigene Pfründe,
um Stolz auf etwas,
das nicht wir erarbeitet haben,
sondern unsere Vorfahren,
Menschen, die noch wussten,
was Moral, Ethik
und Stolz bedeutet.
Unsere Familie,
die noch wusste,
was Stolz bedeutet.
Eigenes, Erarbeitet, Erschaffen,
aus eigener Kraft.
Und nun ist es ein falscher
Stolz auf ein Land,
für dessen Menschen
man sich schämen muss,
die nichts gelernt haben,
aus den Fehlern,
die Nationalstolz verursachen kann.
Armes, bedauernswertes Deutschland,
du reiches, freies Land,
dein Volk hat dich nicht verdient.
©Sabine Adameit

 

Ordnung schaffen

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Vino Rosso

Es war wieder einmal einer der Abende, an denen unser Freund Piet, gemeinsam mit dem Besten aller Ehemänner und dem süßesten Zottelhund, unserem Choppi, die Probleme der Welt erörterten. Der Rotwein stand atmend auf dem Tisch, die Gläser wurden erhoben und schon konnte es losgehen. Alltagsprobleme wurden kurz angesprochen. Welche Sense ist die Beste, Probleme mit dem Aufsitzrasenmäher wurden geschildert. Von dem fetten Marschboden hier in unserer Gegend, kam man schnell auf die Umweltprobleme zu sprechen. Landwirte, die das Grundwasser verschmutzen führten zu weiteren grundsätzlichen Problemen, wie Lebensmittelverseuchung, Milchpreisen, der „Bio“lüge (wo Bio draufsteht, ist noch lange nicht Bio drin) und ähnlichem. Nach dem dritten Glas Wein war man sich einig, dass das alles so nicht weitergehen kann.

Gerade wurde geheut, das heißt, einige Kitze mussten ihr Leben lassen, nur weil der Landwirt keine Zeit hat, seine Weiden vorher zu überprüfen. Schön findet er es ja auch nicht, aber so ist das nun mal, wenn der Profit vor Menschlichkeit geht. Wenn es nur noch um Geld und nicht um Leben geht. Abgehakt, so ist es nunmal.
Piet schenkt nochmal ein und berichtet stolz von seiner letzten Jagd. Auch da musste wieder ein junger Bock dran glauben. Choppi schaut Piet kritisch an, aber die frische Rehkeule, die ihn bald erwartet, besänftigt ihn. So ist nun mal das Leben. Jagen und gejagt werden. Tiere können davon eine Elegie singen. Menschen bekommen davon Frust, traumatische Erlebnisse, zumindest Depressionen oder pflegen unangebrachten Jagdstolz, wenn sie hinterrücks auf ein Tier schießen. Bei Menschen nennt sich diese Art von Jagd Mobbing. Tiere kostet sie das Leben. Und schon sind wir bei der zweiten Flasche.

Nun wird Piets Gesicht noch ernster. Was ist nur mit den Menschen los. Haben sie denn alles vergessen? Mittlerweile würden abseits vom Mobben auch wieder unverhohlen deutlichere Akzente gesetzt, stellt er fest. Zum Beispiel, wenn es um F!üchtlinge und Asylanten geht. Wurde vor noch nicht langer Zeit unter vorgehaltener Hand am Stammtisch über Menschen hergezogen, die zugezogen waren, wird nun lauthals proklamiert, dass alles Elend von diesen Fremden kommt. Piet schildert meinem Besten aller Ehemänner detailliert, was die Einheimischen von dieser neuen Flut fremder Kulturen halten. Es macht ihm Angst. Er erinnert sich an frühere Zeiten. Damals waren es die Juden, die den Sündenbock abgeben mussten. Heute sind es ganz undifferenziert einfach alle, die nicht in Deutschland geboren wurden. Alle denen es schlechter geht, als uns, die wir in einem reichen, demokratischen, freien und vielleicht schon zu lange, friedlichen Land geboren wurden. All das können uns diese Fremden, diese Flüchtlinge ja nehmen, heißt es am Stammtisch. Piet schüttelt traurig mit dem Kopf und schenkt gedankenverloren noch einen ein. Der Beste aller Ehemänner wird immer stiller, er verträgt lange nicht so viel, wie Piet. Der ist ja im Training. Aber, da Piet auch gerne schnackt, ist er dafür gar nicht so undankbar. Er kann auch sehr gut alleine sinnieren. Der Beste aller Ehemänner nickt dankbar mit dem Kopf und ist froh, dass seine Meinung, die er nicht mehr so wirklich artikulieren kann, nicht unbedingt verbal gefragt ist.

Von den Umwelt- und Flüchtlingsproblemen geht es übergangslos zurück zur Landwirtschaft und nochmal der Milchquote. So kann das aber wirklich nicht weitergehen. Das Angebot steigt, die Preise sinken. Piet hat Recht, wenn er klarstellt, dass die Bauern von den staatlichen Almosen nicht leben können. Gut, haben wir das auch erledigt. Darauf trinken wir noch einen. Mittlerweile hat Choppi den Papierkorb gründlich geleert, den Kühen mal ordentlich Bescheid gegeben und Piets Dackel, der, wie zur Bestätigung immer mal wieder vor sich hin kläffte, richtig den Marsch geblasen. Wieder sind wir einen Schritt weiter, die Welt zu ordnen. Was wären wir bloß ohne Piet, den Besten aller Ehemänner und natürlich Choppi, der für Ordnung im Haushalt sorgt.
©S. Adameit