Was haben wir falsch gemacht


Nazis.jpg

 

In der Schule wurde mir der Nationalsozialismus vermittelt.
Es hat mich so beeindruckt,
dass ich keine Deutsche mehr sein
und meinen Pass abgeben wollte.
Ich habe es dann doch nicht gemacht,
weil ich nach Indien reisen wollte.
Ein deutscher Pass ist für das Visum doch ganz hilfreich.
Ich habe mich damals geschämt, Abkömmling solcher Bestien zu sein.
Sogar mein Vater war als Pimpf begeistert von dem Pack.
Aber er hat gelernt. Als 14jähriger hatte er kaum eine Chance
diesen Fanatismus zu durchschauen.
Für ihn war es eine Art Pfadfindergemeinschaft,
ein Zugehörigkeitsgefühl, was er bis dahin nicht kannte.
Bis er dann an die Front musste.
Da kamen dann doch leise Zweifel.
Schwer verletzt wurde er von einem Priester gerettet
und merkte, welch Scharlatanen er aufgesessen war.
Meine Familie floh aus Ostpreußen
mit Nazis hatten sie nichts am Hut,
sie mussten nur unter ihnen leiden.
Das ist alles lange her.
Diese Familie lebt nicht mehr.
Ich lebe weiter mit diesem Hintergrund, mit diesem Wissen.
Ich war so sicher, dass man aus dieser Historie gelernt hat.
Ich war so sicher, dass wir nur noch für den Frieden leben wollen.
Ich war so sicher, dass so etwas nie, nie wieder geschieht.

Was haben wir falsch gemacht?

Wie können gerade ältere Menschen,
die diese Vergangenheit zwar nicht mehr persönlich,
aber über die Familie erfahren haben,
heute wieder nach einer starken Führung schreien.
Demokratie verteufeln und Menschen in Kategorien einordnen,
wie früher Juden = „Untermenschen“ etc.?
Was haben wir bloß falsch gemacht,
dass heute Menschen auf ihr Vaterland stolz sind, wenn sie
„besorgt und aufrecht“, Menschen verurteilen,
verachten, diskriminieren, abklatschen?
Menschen aufgrund von Glauben oder Hautfarbe
jede Existenz absprechen, sie als nicht zugehörig empfinden,
ihnen unterstellen, sie könnten unsere freie Gesellschaft zerstören?
Heute muss ich mich wieder schämen.
Heute könnte ich wieder meine Staatsbürgerschaft abgeben.
Heute darf ich nicht schweigen, wie es früher geschah.
Heute wird alles, wofür wir nach dem Krieg einstanden,
ad acta gelegt. Zur Farce gemacht.
Alles vergessen, nichts gelernt,
nichts vermittelt.
Was haben wir falsch gemacht?
©S. Adameit

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29 Gedanken zu “Was haben wir falsch gemacht

  1. Dein beeindruckender Text wirft für mich die Frage auf, ist es der Zustand unserer Gesellschaft, der Menschen zu Bestien werden lässt, oder sind der Zustand und die Entwicklung unserer Gesellschaft darauf zurückzuführen, dass in uns Menschen die Bestie wohnt? Bei einem mehr und nur oberflächlich gezähmt, bei anderen weniger? Ich glaube, letztlich ist es unsere innere Zerrissenheit, die sich im Außen manifestiert. Ein großer Teil unserer Gesellschaft hat sich so weit von seinen menschlichen Wurzeln entfernt, dass im Innern ein grausamer Krieg herrscht. Das führt zu einer Rat- und Hilflosigkeit, die nach jedem sich bietenden Strohhalm greift. Einfache Lösungen, die Ablehnung alles Andersartigen, eingängige Parolen und als Folge eine eingeengte Wahrnehmung, erzeugen ein „Wir-Gefühl“, dass geeignet ist, wenigstens zeitweise über die eigene, innere Spaltung hinwegzutäuschen. Die Versöhnung des Menschen mit sich selbst, die Rückbesinnung auf die Grundpfeiler des Menschseins sind, so glaube ich, der einzige Weg, um den Einfluss menschenverachtender Ideologien, Fundamentalismen und anderer ismen einzudämmen und unsere Welt zu einem friedlicheren Ort zu machen, in dem Hass und Gier keinen Raum haben. Aber so, wie Archimedes nach einem festen Punkt außerhalb außerhalb der Erde verlangte, um sie aus den Angeln heben zu können, brauchen wir wohl ebenfalls einen Punkt außerhalb unser selbst, um die notwendige Entwicklung und Veränderung zu bewerkstelligen. Für mich kann dieser feste Dreh- Angelpunkt außerhalb unser selbst, nur Gott sein. So bedingt die innere Versöhnung des Menschen mit sich selbst und damit die Befriedung des Außen, für mich zuvor die Versöhnung mit Gott, unserem Schöpfer und Ursprung.
    (Sorry, bissl lang geworden, aber das ist deinen beeindruckenden Zeilen geschuldet 😉 )

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  2. In deinem Artikel kommen die brennenden Fragen zu Tage, die in den Köpfen vieler, vor allem einfacher Menschen toben. Wir haben aber nur das „falsch“ gemacht, was uns Jahrzehnte als Wahrheit eingetrichtert wurde und immer noch wird. Noch funktioniert dieses Gesellschaftssystem durch die Einflußnahme über die kleinbürgerliche Denkweise. So wurden wir irgendwann als „Arbeitnehmer“ bezeichnet, obwohl die Arbeit da ist und wir nur unsere Arbeitskraft zu Verfügung stellen. Lange konnten sich pegida und afd als Protestbewegung und Protestpartei darstellen, weil die Regierung sie salonfähig gemacht hat und afd weiter salonfähig macht. Aber immer weniger klappt das mit dieser Erziehung des (unseres) Stillhaltens! Ich komme aber jetzt zum Kommentar: Ich bin auch ein gläubiger Mensch. Aber ich denke, es reicht nicht aus, abzuwarten, das Gott uns eines Tages hilft. Er hat uns Entscheidungsgewalt zugeteilt und UNTERSTÜTZT uns in unserem Tun. Wenn wir nicht selbständig denken und tun könnten, wären wir doch nicht mehr LEBENDIG. Also nicht abwarten, sondern selbst was tun ist die Devise für Jung UND Alt! Ich habe heute einen (meinen) Kommentar aus einer Notiz in einem „sozialen“ Netzwerk meinem Blog publiziert, wobei es darum geht, ob eine 12-jährige schon selbständig auch „politisch“ denken kann oder einfach nur Erwachsenen nachplappert. Ich sage JA sie kann! Ich kann deinen Artikel einfach wegen der ganzen Fragen nur weiter empfehlen und ich hoffe, er wird überall diskutiert! Im Moment habe ich nur eine Frage, wenn ich so aus dem Fenster schaue: Regnet es oder bleiben die Tropfen in ihrem Depot? Wichtige Frage, denn ich muß noch einkaufen! SCHÖNEN ABEND noch

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      1. Hallo Sabine, ich habe Gerts Kommentar gar nicht widersprochen! Ich wollte nur weitergehen, und aufzeigen (in Kurzform), wie wir belogen und betrogen werden von den Herrschenden und daß wir gemeinsam mit vielen Anderen zusammen etwas verändern können und müssen. Nach Rojava/Kobane in Nordsyrien sind über 100.000 kurdische Flüchtlinge zurück gekehrt und haben die IS-Faschisten besiegt und rausgeworfen. Nach dieser demokratischen Revolution wird das demokratische Projekt gemeinsam von allen Religionen, Atheisten, Jung und Alt, Männer und Frauen gleichberechtigt aufgebaut. In Kobane wird ein Gesundheitszentrum gemeinsam von Kurden und u. a. auch deutschen Brigadisten aufgebaut. Bisher hat es die Erdogan-Regierung keinen humanitären Korridor nach Kobane zugelassen! Im Gegenteil, die Region wird auch öfter von türkischer Armee beschossen! Und die Bundesregierung interessiert es scheinbar nicht! Wenn ich gesundheitlich und finanziell könnte, würde ich auch beim Aufbau mithelfen. Hier in Truckenthal/Thüringen wird ein Flüchtlingsheim, genannt „Haus der Solidarität“, gemeinsam von Flüchtlingen, vorwiegend wohl aus Kurdistan, und Deutschen aufgebaut. Dort sollen bis 300 Flüchtlinge unterkommen. Mal sehen, ob Ministerpräsident Ramelow seine Zusage einhält, jetzt im Sommer Flüchtlinge dort unterzubringen. Dort wird auch gezeigt, daß Atheisten mit religiösen Menschen sehr gut zusammen arbeiten und auch feiern können! Zum Schluß jetzt: Ich finde es gut, daß wir auf solidarischer Basis diskutieren können! Ich diskutiere auch gerne kontrovers! Und auch breiterer Basis.
        Liebe Grüße an Alle hier!

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      1. Ich verlinke ihn morgen (habe es nicht vergessen, nur etwas Zeitmangel heute).
        Hab einen schönen Freitag, liebe Sabine.

        Herzlichst,

        Sylvia

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  3. Liebe Sabine,
    vielen Dank für Deine offenen Worte und Deine Fragen!
    Wenn ich mich erinnere, wie die Thematik in den vergangenen Jahrzehnten schulisch und medial behandelt wurde, denke ich an Zeigefinger und völliges Unverständnis. Ich denke an Vernachlässigung der Mitläufer-und Dukmäuserfrage.

    Sicher brauchte man in den ersten Jahren einen größtmöglichen Abstand und mochte sich das Monstrum, das man hinter sich gelassen hatte nicht näher betrachten.
    Wie würde ein Wissenschaftler vorgehen?
    Analyse Ist-Zustand, Analyse des Verlaufes, Therapie.

    Fehlt nicht die Therapie?
    Wir lehren in der dritten Welt Brunnen bauen und errichten Schulen. Bildung, Arbeit, Infrastruktur; ein guter Plan.

    Und hier? Haben wir uns ernsthaft um die Beseitigung des braunen Nährbodens gekümmert?
    Vielleicht wurde in Deutschland zu viel in die falsche Richtung investiert und vergessen das Fundament zu stützen.
    Neid, Missgunst, Berührungsängste, weil man da hinterm Tellerrand nicht kennt… das haben wir vergessen zu therapieren.
    Oder?

    PS: Dieser Text wurde auf einem Smartphone geschrieben. Ist gut gemeint, aber sicher fehlerbehaftet – sorry dafür!

    Gefällt 2 Personen

  4. Über die Aufklärung in unserer Schule kann ich mich nicht beklagen. Sie war effektiv und nachhaltig.
    Das Problem der Mitläufer, Schweiger, Dulder und Duckmäuser wurde, wie du richtig sagst, in der Politik ziemlich vernachlässigt. Das Fundament der Demokratie wurde nicht angemessen gefestigt. Wie auch? Viele Wendehälse, ob nach der Nazi- oder auch nach der SED-zeit, blieben in ihren Positionen. Die Saat wurde einfach nur kurzfristig trockengelegt? Therapie wird da wohl nicht helfen. Bildung und Aufklärung, ich denke, das sind die Zauberworte.

    Liken

  5. Ich kann hier nur die Bibel zitieren, wo Gott sagt, dass er ihn reut, den Menschen erschaffen zu haben, denn nichts, aber auch gar nichts Gutes ist in seinem Herzen.
    Das hört sich schlimm an, jedenfalls für mich, doch ich selbst habe erkannt, dass hinter all dem Bösen, das Menschen imstande sind zu tun, Angst steht.
    Es ist die Angst vor dem Fremden, dem Unbekannten…vor anderen Menschen eben.
    Angst, dass sie ihnen etwas wegnehmen, wegen ihnen auf etwas vertrautes verzichten müssen, oder was auch immer.
    Hätten wir diese Angst nicht, dann…so glaube ich es wenigstens…dann könnten wir „Menschen“ sein.

    365 mal steht in der Bibel „Fürchte Dich nicht“. Habe ich erst vor ein paar Tagen von jemanden gesagt bekommen. Also für jeden einzelnen Tag im Jahr sagt das Gott zu uns 🙂 …. find ich schön.

    Ich wünsche Dir einen schönen Feiertag und Gottes Segen
    Doris

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